Probieren Sie, wie weit sie kommen!

Es ist Sommer und wie viele andere bin ich dann manchmal auf Wasserstraßen unterwegs. Auf der Müggelspree, kurz vor der Allende-Brücke rechts, gibt es eine enge Wasserzufahrt, man sieht angelegte Motorboote und ein Clubhaus. An der Zufahrt ist ein unmissverständliches Verkehrsschild angebracht, weißer Balken auf rotem Grund: Einfahrt verboten. Darunter zusätzlich noch ein Schild: Nur für private Anlieger. Wie oft bin ich da schon vorbeigefahren. Aber vor kurzem habe ich mich doch getraut, jemanden, der sich da am Motorboot zu schaffen machte, zu fragen. – Entschuldigung, wissen Sie, ob ich hier mit dem Kajak hineinfahren darf? – Ja, ich glaub schon. – Und wissen Sie, wohin man dann kommt? – Nee, aber probieren Sie einfach, wie weit sie kommen.

Ich bog rechts ab, fuhr dort hinein. Es war ein wenig so wie bei Alice im Wunderland. Man tritt durch den Spiegel und eine neue Welt eröffnet sich. Häuschen und Gärten, Weiden und Sträucher, nur Zitronenbäume fehlen. Dann kommt rechter Hand ein weiteres, kleineres Clubhaus „Blau-Gelb Köpenick e.V. – Kanu“. Ich kam vom Boot aus mit einem sehr freundlichen Menschen ins Gespräch, der gerade mit seinem Kanu beschäftigt war. Sie haben dort sogar Übernachtungsmöglichkeiten für Mitglieder auf längeren Fahrten. Und ja, der Club freue sich über neue Mitglieder. Kein Wunder, dachte ich, den Club kennen vermutlich nur wenige.

Dann fuhr ich weiter Richtung Hirschgarten auf der – Sie haben es sicher schon erraten – Erpe. Unter den Brücken durch, über die ich schon so oft mit dem Fahrrad gefahren bin, immer weiter. Wie anders die Welt von unten aussieht. Irgendwann kehrte ich um und nahm mir vor, beim nächsten Mal mit mehr Zeit weiter stromaufwärts zu fahren. Irgendwann wird es dann wohl nicht weitergehen, dann kommen Stromschnellen oder andere Hindernisse, die kennt man von den Spaziergängen im Erpetal. Aber der Weg bis dahin ist schön und lohnt sich.

Nun fragt sich die geneigte Leserin, welche Moral ich daraus ziehe. – Ich weiß es nicht. „Vertraut den neuen Wegen?“ passt nicht, wenn am Eingang ein „Durchfahrt verboten“ steht. Allenfalls könnten wir uns fragen: Geht es anderen mit der Christophoruskirche eventuell ähnlich? Wir haben zwar kein Verbotsschild am Eingang zu stehen, aber die Schwelle in unsere Kirche ist für manche trotzdem hoch.

Zum Glück gibt es auch in unserer Gemeinde Leute, die am Eingang stehen und sagen: Gehen Sie ruhig rein und probieren Sie doch, wie weit sie kommen. Und drinnen findet sich meist auch jemand, der über die Clubmitgliedschaft Auskunft geben kann. In jedem Fall kann man sagen: der Weg ist schön und lohnt sich.

Ach, jetzt ist doch noch eine Moral aus der Geschichte gekommen. Aber ohne Moral geht es bei uns eben auch im Sommer nicht. Schöne Ferien und gute Erholung wünscht

Ihr Pfarrer Markus Böttcher

Eine Kerze für Czernowitz

In diesen Kriegstagen fragt man sich doch, wie lange Worte haltbar sind. Bei manchen versagt mir die Feder ihren Dienst. Was in der Zukunft liegt, und sei es nur die Zukunft bis Pfingsten, will gerade unter einen strengen Vorbehalt gestellt werden. Früher sagte man hier öfter: „So Gott will“. Dieser Vorbehalt wird wohl wieder an Bedeutung gewinnen.

Was ich ohne Vorbehalt sagen kann: Ich wollte schon immer mal nach Czernowitz. Dieser Stadt im Südwesten der Ukraine, an der Grenze zu Rumänien. Warum Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi? Weil dort neben Paul Celan und anderen Rose Ausländer geboren wurde. Weil sie im multikulturellen Czernowitz zur Sprache fand. „Warum schreibe ich? Vielleicht weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt in Czernowitz zu mir kam. Jene besondere Landschaft. Die besonderen Menschen, Märchen und Mythen lagen in der Luft, man atmete sie ein. Das viersprachige Czernowitz war eine musische Stadt, die viele Künstler, Dichter, Kunst-, Literatur- und Philosophieliebhaber beherbergte.“1

Als Rose Ausländer, damals Rosalie B. Scherzer, am 11. Mai 1901 geboren wurde, gehörte die Stadt zu Österreich-Ungarn. Um 1900 sprachen dort 50 Prozent der Bevölkerung deutsch. Hier lebten Juden, sog. Bukowina-Deutsche, Rumänen, Roma, Polen zusammen, eine multikulturelle Stadt. Das war die Welt, die zu Rose Ausländer kam. Eine Kerze für Czernowitz 1916 floh die Familie während der russischen Besetzung nach Budapest, später studierte Rose in Wien, später ging sie in die USA. Kam aber immer wieder in ihre Heimatstadt zurück. Sie war in Czernowitz, als die Stadt zu Rumänien gehörte und sie erlebte auch die Zeit der deutschen Besatzung: „1941. Nazis besetzten die Stadt, blieben bis zum Frühjahr 1944. Getto, Elend, Horror, Todesstransporte. In jenen Jahren trafen wir Freunde uns zuweilen heimlich, oft unter Lebensgefahr, um Gedichte zu lesen. Der unerträglichen Realität gegenüber gab es zwei Verhaltensweisen: entweder man gab sich der Verzweiflung preis, oder man übersiedelte in eine andere Wirklichkeit, die geistige. Wir zum Tode verurteilten Juden waren unsagbar trostbedürftig. Und während wir den Tod erwarteten, wohnten manche von uns in Traumworten – unser traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit. Schreiben war Leben. Überleben.“

Wie lange sind Worte haltbar? Solche Worte wie die von Rose Ausländer, geschrieben in unsagbar trostbedürftiger Zeit, haben viele Schrecken überlebt. Seit über 30 Jahren ist diese Stadt Czernowitz, Tscherniwzi, ukrainisch, europäisch. Viele Flüchtlinge finden dort gerade Unterschlupf, diese Stadt bereitet sich, wie so viele, auf einen russischen Angriff vor. Beten wir, dass es bei der Vorbereitung bleibt. Hoffentlich finden die Menschen dort Trost – in ihrer Sprache. Ich zünde heute eine Kerze für Czernowitz an und bete, dass dort Frieden bleibt. Ganz ohne Vorbehalt.

Tun Sie es bitte auch –

Ihr Pfarrer Markus Böttcher