Bote

Hier finden Sie die aktuellen Gemeindeinformation dem Christophorus Boten

Gemeinde · GKR-Wahl

Am 13. November wählen Sie einen Teil unseres Ältestengremiums neu. Für fünf der zehn Mitglieder des Gemeindekirchenrates endet nach sechs Jahren die Amtszeit und die Sitze werden neu besetzt. Vier Älteste
stellen sich neu zur Wahl, dazu kommen drei weitere Kandidaten, die Vorstellung der insgesamt Sieben finden Sie hier. Es
gibt noch etwa Neues im Wahlverfahren: Wir wählen dieses Jahr alle Kandidaten nur für 3 Jahre. Und dann beginnt eine neue Regel im Wahlgesetz unserer Kirche: Ab 2025 wird nur noch alle 6 Jahre, und zwar der ganze GKR auf einmal, gewählt. Ob das eine Verbesserung ist, werden wir dann sehen. In jedem Fall ist es gut, dass in
unserer evangelischen Kirche das oberste Leitungsgremium jeder Gemeinde demokratisch gewählt wird. Indem Sie für einen oder mehrere Kandidaten oder die Kandidatin ein Kreuz machen, sind Sie beteiligt an der gemeinsamen Verantwortung für unsere Kirche. Am 6. November stellen sich die Kandidaten und die Kandidatin nach dem
Gottesdienst der Gemeinde vor. Und am ersten Advent danken wir den scheidenden Ältesten und für die neuen bitten wir um den Segen Gottes. Markus Böttcher

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Wie wir überraschenderweise zur Ruhe fanden


Unter den vielen Kirchen, die ich mit den Kollegen in Rom besuchte, erinnere ich mich ganz lebhaft an eine: Die Chiesa del Santissimo Nome di Gesù, Kirche des Allerheiligsten Namens Jesu. Und das liegt einzig daran, dass wir dort zur Ruhe gekommen sind. Andere Kirchen waren bedeutender und vielleicht auch schöner, die Laterankirche oder der Petersdom oder das Pantheon, das auch eine Kirche ist, obwohl es einst anderen Göttern gehörte. In all diesen Kirchen gab es – wenn wundert es – ein Gedränge. Man geht hinein, bewundert Kuppel oder Deckengemälde in schwindelerregender Höhe, steht mit hundert anderen vor dem Altar, schreitet die Seitenschiffe ab, fotografiert, setzt sich auf eine Bank und trinkt einen Schluck Wasser, sucht eine Toilette, bewundert den einen oder anderen versteckten Caravaggio, bis die Beine vom Laufen oder die Augen vom Schauen oder die Arme vom Fotografieren müde sind. Am Ende trifft man die erschlafften Kollegen auf den Stufen vor der Kirche sitzend oder liegend und beschließt, erstmal ein Eis essen zu gehen.
Nur in der Chiesa del Gesù war es anders. Dort kamen wir zur Ruhe. Ausgerechnet dort, in der Mutterkirche der Jesuiten. Man muss wissen, dass der Jesuiten-Orden im 16. Jahrhundert unter dem Eindruck der Reformation entstand. Man kann ihn als Alternative zur reformatorischen Bewegung verstehen. Die
Ordensbrüder leben nicht in Klöstern und tragen keine Ordenskleidung. Die Jesuiten waren immer weltoffen, förderten zum Beispiel das barocke Theater, gleichzeitig pflegten sie in einer Weise eine Spiritualität, die heute noch viele Christen anzieht: Die Exerzitien des Gründers, Ignatius von Loyola sind heute sehr beliebt. Gegenüber der Hauptkirche in Rom, an der Piazza del Gesù, befindet sich passenderweise ein Theater. Aber zur Zeit ihrer Gründung waren sie natürlich die größten Feinde der Protestanten. Und auf den Bildern in der Jesuitenkirche sind die, die in der Hölle schmoren, natürlich wir. Jemand sagte: wir müssten kurz vor halb sechs dort sein, denn dann beginnt eine kleine Show mit einer barocken Theaterkulissenmaschine. Unbedingt!, sagten wir. Und dann saßen wir punkt halb sechs in der Kirche und es geschah erstmal nichts, außer dass schöne barocke Musik von irgendwoher zu hören war. Und, was soll ich sagen? Es war gut, dass sonst nichts geschah. Endlich waren wir mal in einer Kirche zur Ruhe gekommen. Wir rannten nicht herum und fotografierten, mussten keinen geschichtlichen Erklärungen, die wir sowieso sofort wieder vergessen würden, lauschen. Wir saßen einfach in den Bänken und ruhten, ein seltenes Bild des Friedens von unserer sonst so unruhigen Reisegruppe. Der eine schloss die Augen, die andere schaute zum modernen und doch zum sonstigen Barock passenden Altar, der dritte googelte entspannt zum Stichwort Jesuiten, die vierte sprach im Stillen ein Gebet. So hätte das in jeder der unzähligen römischen Kirchen sein sollen, einfach dasitzen und lauschen, beten oder googeln, Frieden finden. Was für eine Ironie gerade in dieser Kirche, in der auf den Bildern unsere Glaubensvorfahren in die ewige Finsternis gestoßen werden. Und dann begann doch noch die barocke Theatermaschine zu arbeiten und ein Seiten-
altarbild mit dem Ordensgründer im innigen Gespräch mit Jesus senkte sich langsam herab und gab den Blick auf die Bronzestatue des Gründers Ignatius von Loyola frei, flankiert von zwei Engeln. Gut, dass uns das niemand erklärte. Wir genossen es einfach. Auf den Anblick der Bronzestatue hätten wir
vielleicht gut verzichten können, aber nicht auf die schöne Ruhe. Und so geht es vielen auch in unserer Kirche, auch ohne den ganzen Barock: Zur Ruhe kommen – das ist das Geschenk für alle, die sich
in die Kirchenbank setzen. Dafür lohnt es sich schon und für manchen Kirchenbesucher ist es das Wichtigste. Dass auch Sie in unserer Kirche für eine Weile Frieden finden – das wünscht Ihr Pfarrer Markus Böttcher

Musik in der offenen Kirche

Unsere Christophoruskirche ist ein religiöser Raum, aber sie ist auch ein akustischer Raum. Der Kirchenraum ist hoch und er hat einen leichten, angenehm zu hörenden Nachhall, der durch den renovierten neuen Boden verstärkt wurde. Man merkt: Diese Kirche wurde konzipiert und gebaut, um zuzuhören und um zu singen und sich dabei am Klang zu begeistern.
Betreten Familien mit kleineren Kindern die offene Kirche, nehmen die Kinder als erstes ganz unbefangen die Akustik dieses Raumes wahr. Es wird geklatscht, getrommelt und gerufen, um den Nachhall hören zu können. Das ist bauliche Technik, die mich auch als Erwachsene akustisch begeistert: Es braucht in diesen Zeiten nur ein Smartphone, eine Bluetooth-Box und einen Streamingdienst, um diesen großen Raum mit Klängen füllen zu können.
Zu Beginn meiner Betreuung der offenen Kirche habe ich viel „geistliche Musik“ zur offenen Kirche gespielt, darunter Orgelkonzerte, gregorianische Choräle und artverwandte Klassik. Doch das klingt in diesem Raum nur wie ein müder Abklatsch der beeindruckenden originalen Konzerte, wie sie häufig in unserer Kirche zu hören sind. Und ich will es nicht verschweigen: Ich habe – trotz kindlicher Sozialisierung in einem ländlichen Kirchenchor – keine besondere Zuneigung zur kirchlichen Musik entwickelt. Selbst Johann Sebastian Bach hat bei mir wenig Chancen, er möge es mir nachsehen.
So spiele ich inzwischen in der offenen Kirche lieber Musik, von der ich mir verspreche, dass der ein oder andere kirchenferne Besucher auch deswegen bleibt. Was dabei zählt sind: Trotz kleiner Box hohe Transparenz, ein entspannender Rhythmus und ein guter Klang der Aufnahme. Erstmals habe ich selbst als Zuhörer diese Erfahrung in der Thomaskirche in Kreuzberg gemacht, die für die vielen Besucher jeden Tag über Mittag geöffnet ist: Ein traditioneller Kirchenbau und moderne, insbesondere elektronische Musik aus den 70er und 80er Jahren funktionieren hervorragend zusammen.
Neben der elektronischen Musik gibt es Easy Listening, namentlich James Last und Quincy Jones haben es mir angetan, dazwischen immer wieder melodiöse Countrysongs oder die neuen Sing-Songwriter. Das alles je nach Stimmungslage, Wetter, Jahreszeit und „Besuchersoziologie“, denn natürlich möchte ich niemanden mit fröhlichen Melodien stören, der erkennbar trauert und vorne eine Kerze anzündet.
Demnächst werde ich auch Kirchensendungen aus dem Radio „nachsenden“. In der ARD-Mediathek gibt es viele interessante Magazinsendungen mit Wortbeiträgen zu kirchlichen Themen und Musik, die Besucher interessieren und halten könnten. 

Für den Hausgebrauch an dieser Stelle noch eine kleine Playlist zum Nachhören   >>   
· Die Fantastischen Vier: Tag am Meer   
· Nana Mouskouri in New York (mit Quincy Jones): No Moon at All    
· Fettes Brot (mit James Last): Ruf mich an!   
· Max Raabe und das Palast Orchester: Der perfekte Moment … wird heut verpennt.  
· Roseanna Cash und Bruce Springsteen: Sea of Heartbreak    
· Bonnie Raitt: All Alone with Something to Say     
· Tangerine Dream: Tangram     
· Faithless: Crazy English Summer 
· Blossom Deary: Sunday Afternoon     
· Lisa Simone: Wonderful

Es folgt ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Die offene Kirche gibt es meistens am ersten Samstag im Monat zwischen 14 und 17 Uhr. Eine konkrete Ankündigung findet sich auch auf der Internetseite der Gemeinde. Wer länger bleibt, darf sich gerne Musik wünschen. Und wenn die Organistin probt, lasse ich ihr und der Orgel natürlich den musikalischen Vortritt.  				
											        Peter Schmitz
Ich traue Dvořák alles zu

Auf den Musikgeschmack unserer Kinder war immer Verlass. Bis vor etwa 5 Jahren. In einem Theater sollte Dvořák gespielt werden. Wir entschieden, die Kinder mitzunehmen. Also, es zu versuchen. Sie waren ja längst in dem Alter, wo sie erstens ihre eigene Musik gefunden hatten und zweitens auch allein zuhause bleiben konnten. Die große Tochter hörte Twenty One Pilots oder Panic! At The Disco, die mittlere sprach nicht so gern darüber (aber es war definitiv keine Klassik) und unser Jüngster folgte der Großen; klassische oder barocke Musik kamen nicht vor. Wir hatten eher normale Kinder, was Musik betrifft.

Wir sagten: Hört zu, heute Abend gehen wir ins Konzert und würden euch gern mitnehmen. Wir wissen nicht genau, ob euch die Musik gefällt, aber wir haben so eine Ahnung, dass es schön werden könnte. Wenn nicht, Ehrenwort, gehen wir nach der Pause und setzen uns in ein Café. Die Kinder ließen sich darauf ein. Sie sitzen für ihr Leben gern in Cafés. Und wir rechneten wirklich damit, nach der Hälfte rausgehen zu müssen.

Und dann begann es. Gespielt wurde Dvořáks 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“. Wir hatten bequeme Plätze an der Seite, ein schönes, großes, modernes Theater. Beim Adagio ruckelten wir noch etwas auf den Polstersitzen herum, beim Alegro molto wurden wir warm und spätestens beim Largo mit der schönen und traurigen, von der Oboe, später vom englischen Horn gespielten Melodie - angeblich hat sich Dvořák in den USA dabei von indianischer Dichtung, nämlich Longfellows Hiawatha, inspirieren lassen - , da brach jeder Widerstand. Die Situation war so dicht, als vollzöge sich gerade ein Schöpfungsakt. Ich wandte mich kurz den Kindern zu - sie schauten verblüfft oder sogar erschüttert (so genau erinnere ich das nicht mehr) zum Orchester. Auf jeden Fall schienen sie bestürzt darüber zu sein, was klassische Musik so anrichten kann.

Später, in der Pause, sahen wir uns an, als hätten wir gerade gemeinsam einem Vulkanausbruch beigewohnt. Keiner dachte daran, jetzt in ein Café zu gehen. - Die Große sagte Jahre später, als sie mittlerweile auch Tschaikowski und Rachmaninow verfallen war: Durch dieses Konzert bin ich zur klassischen Musik gekommen. Und als ich vor kurzem im Familien-Chat verkündete, wir singen am Sonntag in der Kirche Dvořáks Messe D-Dur, wer kommt mit? - schrieb der Jüngste: bei Dvořák immer.

Seitdem traue ich Dvořák alles zu. Hätte ich eine Prüfung vor mir, würde ich vermutlich kurz vorher Dvořák hören. Würde ich durch einen finsteren Wald gehen und mich fürchten, sollte ich das Thema des Largo „Aus der neuen Welt“ summen, dann wird nichts Schlimmes passieren. Wahrscheinlich kann man mit ihm auch Kriege gewinnen oder besser noch: verhindern. Ob man mit seiner Musik auch den Hunger in der Welt stillen oder den Klimawandel aufhalten kann, weiß ich nicht, aber ganz ausschließen würde ich es auch nicht.

Und Sie haben vielleicht ähnliche Erfahrungen mit Mozart, Mendelsohn oder Mussorgsky, Bach, Brahms oder Beethoven gemacht? Wenn Sie wollen, schreiben Sie es auf und schicken Sie es an die Redaktion. Es schadet nicht, wenn wir uns solche Sachen gegenseitig mitteilen. Es sind wertvolle Erfahrungen; in gewisser Weise sind es Glaubenserfahrungen. Wir glauben, dass Musik Gutes bewirken kann. Beweisen können wir es nicht, aber Zweifel daran haben wir eigentlich auch nicht. - - Und ich denke, dass Musik näher an Gott heranreicht als das bloße Wort. Sogar nichtreligiöse Musik, wenn es so etwas überhaupt gibt. - Ich weiß, dass letzte beiden Sätze einen Theologen traurig machen könnten. Das bleibt deshalb unter uns, ok.?

Einen musikreichen Sommer und erst recht einen solchen Herbst (siehe unser Programm!) wünscht – Ihr Pfarrer Markus Böttcher

Gerhard Begrich und Markus Böttcher über die Josefsgeschichte Genesis 37-50

Beiträge aus älteren Boten

Wolf Biermann Konzert

Errmutigung 2, Wolf Biermann im Konzert am 26.05.2022 in der Christophoruskirche – ein Ereignis!
Drei Fragen - drei Antworten

Pastor Markus Böttcher stellt drei Fragen und Wolf Biermann antwortet
 
Sie wohnten im September 1968 für einige Wochen in Friedrichshagen, in ähnlich dramatischer Zeit wie heute, auch da rollten russische Panzer uneingeladen durch fremde Städte – vor allem durch Prag. Was empfinden Sie bei dieser grausigen, ja im Grunde noch grausigeren Wiederholung der Geschichte?
 
Ja, es ist, wie Sie sagen: eine Wiederholung.
Im Jahre 1852 schrieb Karl Marx in seiner Streitschrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ einen Satz, der gern flapsig flott zitiert wird:
„Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.“
 
Der Wolf sowieso - aber offenbar auch der Hirte in der Christophorus-Kirche und sogar die nachgeborenen Schafe erinnern sich in diesen finsteren Zeiten an den Einmarsch der übermächtigen Sowjet-Armee 1968 in die ČSSR.  Russischen Luftlande-Panzer schlugen damals über Nacht die Demokratiebewegung, also den „Prager Frühling“ seit dem 21. August blutig nieder. Und natürlich vergleichen wir heute diesen Krieg mit Wladimir Putins blindwütigen Blitzkrieg gegen die demokratische Ukraine. Ja, Geschichte wiederholt sich, aber bei genauerem Hinsehen erkennen wir die interessanten Unterschiede. Es ist, wie Sie es sagen, nicht so schlimm wie damals, nein es ist schlimmer. Denn dieses mal wütet die Furie des Krieges noch blutiger.  Und Putins Krieg ist noch verlogener, weil die Untertanen des Hitler-Stalin-Zaren den Krieg nicht mal einen Krieg nennen dürfen. Auch Worte sind eben wichtig. Das ist die Sprache „Neusprech“ aus dem Schreckens-Roman von George Orwell „1984“ 
Vonwegen „lumpige Farce“ - nun trifft auch das treffende Zitat von Marx nicht mehr. „Lumpig“ ist ein viel zu drolliges Schimpfwort für dieses Kriegsverbrechen. Putins Eroberungskrieg mit supermodernen Vernichtungswaffen ist keine Farce, sondern eine globale Tragödie - nein, viel schlimmer: es ist der Anfang eines Dritten Weltkrieges. Dazu werde ich, lieber Pastor, in Friedrichshagen paar passende Lieder liefern.
Der Brecht dichtete mal eine gute Frage und dazu ein treffende Antwort:
     „In den finsteren Zeiten, wird da auch gesungen werden?
     Da wird auch gesungen werden - von den finsteren Zeiten!“
 
 
1968 war nicht nur für die Menschen in Prag, sondern auch für Sie und andere in der DDR eine schlimme Zeit. Sie hatten seit Jahren Auftrittsverbot, Ihre Gedichte wurden in Westberlin gedruckt, im Osten gab man sie heimlich handgeschrieben weiter, der junge angehende Dramatiker Thomas Brasch klebte Ihr „In Prag ist Pariser Commune“ handgedruckt an Häuserwände. Nach dem Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei (ČSSR) gab es Verhaftungen auch in der DDR und Sie hatten die berechtigte Angst, nach Bautzen (in das damalige politische Gefängnis) gebracht zu werden. Nachdem Sie, wie in Ihrer Biographie beschrieben, vergeblich versucht hatten, Ihre Manuskripte zu verbrennen, dafür aber erfolgreich Ihren Bart abrasiert hatten, flüchteten Sie über Um- und Schleichwege nach Friedrichshagen und nahmen dort unter falschem Namen Quartier. Ist heute das Gefühl der Scham über die ängstliche Flucht stärker - oder das Gefühl des Stolzes, dass Sie im entscheidenden Moment für die Staatsicherheit nicht auffindbar waren?
 
Ich hatte immer auch Angst, denn die war ja begründet. Heinrich Heine schreibt in seinem Gedicht „Enfant Perdu“  ein wahres Wort: „Nur Narren fürchten nichts“
Die Kader der DDR-Diktatur  fühlten sich von meinen total verbotenen Spottliedern bedroht. Eine totalitäre Diktatur funktioniert sicher nur ganz oder gar nicht. Den ganzen Haß der SED-Apparatschiks hatte ich mir mit meinen rebellischen Gedichten seit Jahren redlich erworben. Aber in diesen Wochen 1968, nach dem siegreichen Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten gegen die wehrlose ČSSR, geriet ich in Panik: Ich hatte Angst, daß Ulbricht & Genossen  im panischen Rausch ihres militärischen Sieges mich entsorgen, so oder anders oder noch anders, also rein oder raus, auf DDR-Deutsch: Bautzen, totschlagen oder Westen. Kurz gesagt: Ich hatte nicht mehr die normale Furcht im Streit der Welt, so wie in all diesen harten Jahren. Nun hatte nicht ich die Angst, sondern die Angst hatte mich.
 
 
Georg Liebig, der Sohn von Emmchen, in deren Dachkammer Sie da wohnten, zeigte mir ein Manuskript von Ihnen, mit Noten auf handgezogenen Linien: „Es senkt das deutsche Dunkel sich über mein Gemüt“. Sie schreiben weiter (schrieben Sie es in der Dachkammer?) und sangen später: „Es dunkelt übermächtig in meinem Lied“. Was gab Ihnen in dieser Zeit des „Dunkelns“ Trost?

Es war ein Trost für mich Gottlosen und zugleich eine moralische Lektion, dass solche eigentlich unpolitischen DDR-Christen wie die Bäcker-Familie Liebig, in Friedrichshagen bei Berlin mir eine Höhle gab, in die ich mich verkriechen konnte. In diesen finsteren Zeiten fand ich eine Herberge nahe dem Müggelsee.
Die taff-praktische Bäckersfrau Emmchen und ihr sanftmütiger, nein: sanftmutiger Mann Erwin  und der träumerische  Sohn Georg - sie nahmen - wie selbstverständlich - den kleinen „staatlich anerkannten Staatsfeind Biermann“ mit dem „abben“ Bart  bei sich auf in der Dachkammer. Früh morgens weckte mich der himmlischen Duft des frischen Brotes von unten aus der Backstube. Er stieg die drei Treppen hoch, mir in die Nase. Ich war dankbar dafür, daß diese gütigen Menschen mich morgens mit einem knusprigen Brötchen und guter Butter und Honig fütterten, dazu Bohnenkaffee mit genug frischer Milch. Solch ein Frühstück genoss ich nie vorher und nie nachher. Für mich war ein Kuss in die Seele, ein kleines Paradies in der Hölle.

Post aus der Ukraine Brief 1 Brief 2

Bilder von unserer Ausstellung RANDZONE – Michael Otto

Kund (schaft) tun
Verkündigung wird zumeist mit Sprechen gleichgesetzt, doch allein Malerei, Grafik oder Plastik wurden schon seit jeher zum Verkünden von Botschaften genutzt – wortlos.
Auch Musik spricht, ohne Worte.
Zum Ende der Ausstellung „Verkündigung“ laden Ingrid Bertel (künstlerische Aktion) und Hanno Koloska (Musik) zu einer Erkundung ein.
Was haben wir im Leben erfahren, um es kundtun zu können? Was ist davon des Verkündens wert? Begleiten Sie uns als Kundschafter.