In diesem armen Leben erscheint der ganze Gott

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?
Ich wünsche mir vor allem Besinnung. Natürlich, alles andere ist auch wichtig. Der Duft von Pfefferkuchen und Glühwein, das vorweihnachtliche Basteln und überhaupt diese erwartungsvolle Geschäftigkeit, die uns immer im Dezember befällt, in diesem Jahr leider gemixt mit allerlei Befürchtungen wegen der steigenden Ansteckungszahl, der Gedanke an die Lieben, denen wir noch eine Weihnachtskarte schreiben, ein Päckchen packen wollen oder müssen, die Musik in den Konzerten im Advent – alles ein großer Reichtum. Aber alles auch ein wenig stressig. Am besten wäre es doch, denke ich manchmal, einfach gar nichts zu machen vor Weihnachten, außer dem, was ich sonst machen muss. Einfach nichts machen und warten. Vielleicht wird es auch so Weihnachten. Oder gerade so?

Otto Müller (1874-1930), Die polnische Familie, 1919

So wie auf dem Bild von Otto Müller. Das sieht gar nicht richtig weihnachtlich aus. Keine Engel, keine Tiere, keine Krippe. Ist das überhaupt ein Weihnachtsbild? Ehrlich gesagt: ich weiß es nicht. Aber das Wesentliche von Weihnachten ist ja darauf zu sehen: eine Familie, vermutlich sehr arm. Die Frau mit dem Kind ist barfuß. Sie sieht aus, als hätte sie lange nichts gegessen. Und bei dem Mann daneben ist auch nicht sicher, in welcher Beziehung er zu der Frau mit dem Kind steht. Der Vater des Kindes? Oder ein Fremder?
Sie werden sich vielleicht wundern. Aber bei diesem Bild komme ich tatsächlich zur Besinnung. Ja, zu einer ganz weihnachtlichen Besinnung. Die Augen der Frau sind groß und etwas traurig. Und hinter ihrem kindlichen Kopf leuchtet es. Vielleicht ist es nur eine Straßenlampe. Vielleicht aber auch ein Hinweis auf das Besondere dieser Frau. Ihre Heiligkeit? Der Hund schaut mich von unter der Bank aus an. Ein treuer Begleiter arme Menschen. Dass die Heilige Familie arm ist, wissen wir. Wir vergessen es nur leider immer – gerade zu Weihnachten. Eine polnische Familie, gemalt kurz nach Ende des ersten Weltkrieges. Es ist erinnert mich auch daran, dass gerade viele arme Familien über Polen nach Deutschland kommen. Das bringt mich tatsächlich zur Besinnung – ganz ohne Krippe, Kuh und Esel, Hirten und Engel. In diesem armen Leben, in den Armen der barfüßigen dünnen Frau – erscheint für mich der ganze Gott in dieser Welt.

Ich wünsche Ihnen in diesem Jahr vor allem ein besinnliches Weihnachtsfest!

Ihr Pfarrer Markus Böttcher