Eine Kerze für Czernowitz

In diesen Kriegstagen fragt man sich doch, wie lange Worte haltbar sind. Bei manchen versagt mir die Feder ihren Dienst. Was in der Zukunft liegt, und sei es nur die Zukunft bis Pfingsten, will gerade unter einen strengen Vorbehalt gestellt werden. Früher sagte man hier öfter: „So Gott will“. Dieser Vorbehalt wird wohl wieder an Bedeutung gewinnen.

Was ich ohne Vorbehalt sagen kann: Ich wollte schon immer mal nach Czernowitz. Dieser Stadt im Südwesten der Ukraine, an der Grenze zu Rumänien. Warum Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi? Weil dort neben Paul Celan und anderen Rose Ausländer geboren wurde. Weil sie im multikulturellen Czernowitz zur Sprache fand. „Warum schreibe ich? Vielleicht weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt in Czernowitz zu mir kam. Jene besondere Landschaft. Die besonderen Menschen, Märchen und Mythen lagen in der Luft, man atmete sie ein. Das viersprachige Czernowitz war eine musische Stadt, die viele Künstler, Dichter, Kunst-, Literatur- und Philosophieliebhaber beherbergte.“1

Als Rose Ausländer, damals Rosalie B. Scherzer, am 11. Mai 1901 geboren wurde, gehörte die Stadt zu Österreich-Ungarn. Um 1900 sprachen dort 50 Prozent der Bevölkerung deutsch. Hier lebten Juden, sog. Bukowina-Deutsche, Rumänen, Roma, Polen zusammen, eine multikulturelle Stadt. Das war die Welt, die zu Rose Ausländer kam. Eine Kerze für Czernowitz 1916 floh die Familie während der russischen Besetzung nach Budapest, später studierte Rose in Wien, später ging sie in die USA. Kam aber immer wieder in ihre Heimatstadt zurück. Sie war in Czernowitz, als die Stadt zu Rumänien gehörte und sie erlebte auch die Zeit der deutschen Besatzung: „1941. Nazis besetzten die Stadt, blieben bis zum Frühjahr 1944. Getto, Elend, Horror, Todesstransporte. In jenen Jahren trafen wir Freunde uns zuweilen heimlich, oft unter Lebensgefahr, um Gedichte zu lesen. Der unerträglichen Realität gegenüber gab es zwei Verhaltensweisen: entweder man gab sich der Verzweiflung preis, oder man übersiedelte in eine andere Wirklichkeit, die geistige. Wir zum Tode verurteilten Juden waren unsagbar trostbedürftig. Und während wir den Tod erwarteten, wohnten manche von uns in Traumworten – unser traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit. Schreiben war Leben. Überleben.“

Wie lange sind Worte haltbar? Solche Worte wie die von Rose Ausländer, geschrieben in unsagbar trostbedürftiger Zeit, haben viele Schrecken überlebt. Seit über 30 Jahren ist diese Stadt Czernowitz, Tscherniwzi, ukrainisch, europäisch. Viele Flüchtlinge finden dort gerade Unterschlupf, diese Stadt bereitet sich, wie so viele, auf einen russischen Angriff vor. Beten wir, dass es bei der Vorbereitung bleibt. Hoffentlich finden die Menschen dort Trost – in ihrer Sprache. Ich zünde heute eine Kerze für Czernowitz an und bete, dass dort Frieden bleibt. Ganz ohne Vorbehalt.

Tun Sie es bitte auch –

Ihr Pfarrer Markus Böttcher

Fastenzeit

Religionsstunde mit Pfr. Markus Böttcher

Wer keine Religionsstunde braucht, der blättere einfach weiter. Hier geht es um die Grundlagen – immer passend zur Kirchenjahreszeit.

Die Passionszeit beginnt mit dem Aschermittwoch, wo katholische und neuerdings gern auch evangelische Christen ein Aschekreuz auf die Stirn gemalt bekommen, und dauert 40 Tage, so lange, wie Jesus in der Wüste gefastet hat (Matthäus 4,2), ein Tag für ein Jahr, in dem das Volk Gottes scheinbar ziellos in der Wüste herumgeirrt ist (40 Jahre, nachzulesen im zweiten bis fünften Buch Mose). Deshalb heißt sie auch Fastenzeit. In den Klöstern und frommen Häusern, im Mittelalter in allen Häusern, wurde außer Sonntag (Breakfast, das Sonntagsfrühstück) kein Fleisch gegessen, dafür Fisch. Cottbuser Franziskaner haben dafür bei Peitz Teiche angelegt, in denen bis heute die Karpfen auf ihren Verkauf (besonders zu Silvester) warten.

Die Wüstenzeit war für das Volk Israel eine Zeit besonderer Nähe zu Gott, hier redete Er mit Mose, hier erhielten sie die Gebote des Lebens, hier wies ihnen der HERR direkt den Weg in einer Wolkensäule. Gottesnähe ist auch das Ziel aller, die diese Zeit mit dem Verzicht auf Dinge verbringen. Manche verzichten auf Alkohol, andere auf fettes Essen oder Autofahren, heute ist das jedem selbst überlassen.

Die Passionssonntage haben geheimnisvoll klingende Namen wie Invocavit, Reminiszere, Oculi, was jeweils die ersten Worte der lateinischen Sonntagspsalmen sind (Invocavit me, er ruft mich an, Psalm 91,15). In den Gottesdiensten werden Texte gehört, die von der Sünde (1. Mose 3), der Wüste oder vom Leiden (Hiob 2) erzählen, insbesondere vom Sterben Jesu (Johannes 12).

In der sechsten Fastenwoche sind bei uns die Schulferien, da denkt man nicht so gern an Leiden und Verzicht. Dabei ist die Karwoche (von althochdeutsch kara, Trauer), die mit Palmsonntag, dem Einzug Jesu in Jerusalem, beginnt, der Höhepunkt der Passionszeit. In katholischen Ländern wie Italien, Spanien und den Ländern Lateinamerikas finden jeden Tag traurig-feierliche Prozessionen statt. Eine bis zu 15 m lange schwere Holzplatte mit Figuren, die Szenen aus der Passion Jesu zeigen, wird von unzähligen Männern, die in religiösen Bruderschaften (span. hermandades) ein halbes Jahr lang dafür üben, durch die Straßen getragen. In Mittelamerika werden die Straßen sogar mit Teppichen aus Blumen, Blättern oder Sägemehl geschmückt.

Am Gründonnerstag feiert die christliche Gemeinde die Einsetzung des Abendmahls. In der Christophoruskirche ist das ein Gottesdienst am Tisch. Der Karfreitag ist der höchste Tag der Passionszeit. Blumen, Kerzen und Decken verschwinden vom Altar, auch die Orgel schweigt, und es wird die Geschichte der Kreuzigung gelesen.

Und die Ostereier? Auch wenn es die schon im Februar zu kaufen gibt, Finger weg! Ostereier gibt es erst zu Ostern, wo die fleisch- und eierlose Zeit endet. Am Karsamstag werden weiße gekochte Eier in den Häusern der Lausitzer Sorben und auch in unserer Christophoruskirche kunstvoll mit heißem Wachs (mittels spezieller Werkzeuge aus Gänsefedern oder Stecknadeln) verziert und in verschiedene Farben getaucht. Die reich geschmückten Eier finden ihren Platz am Ostersonntag auf dem Altar.

Randzone

Ausstellung während der Passionszeit 2022. Beginn: Aschermittwoch um 18 Uhr.

An ihren Rändern beginnt die Stadt sich aufzulösen oder zu verfestigen. Das hängt auch vom Standpunkt des Betrachters ab. Ich bin in der Vorstadt aufgewachsen. Rührt daher mein Interesse für Randzonen? Für Vororte, Provinzstädte, unattraktive Stadtviertel, leere Sportplätze, verödete Bahnhöfe und Stationen, trostlose Unterführungen, Werkgelände, unbebaute Felder mit Waldrändern in der Ferne, Straßen und Plätzen mit uniformer Bebauung, für Un-Orte?

Ich zeichne mit dem Bleistift oder der schwarzen Kreide. Ich male mit wenig Farben. Das sind Titanweiß, lichter Ocker, Caput mortuum, Chromoxidgrün feurig. Schwarz ersetze ich durch das Mischen von Gebrannter Umbra mit Preußisch Blau.

Ich bin begeistert von Randzonen, wenn es schwer wird zu entscheiden: ist das noch dunkel oder wird es schon hell? Ist das noch rötlich oder schon grünlich? In den Randzonen verbergen sich viele Möglichkeiten. Die Möglichkeiten für viele Bilder.

Michael Otto

Kund (schaft) tun

Verkündigung wird zumeist mit Sprechen gleichgesetzt, doch allein Malerei, Grafik und Plastik wurden schon seit jeher zum Verkünden von Botschaften genutzt – wortlos.

Auch Musik spricht, ohne Worte.

Zum Ende der Ausstellung „Verkündigung“ laden Ingrid Bertel (künstlerische Aktion) und Hanno Koloska (Musik) zu einer Erkundung ein.
Was haben wir im Leben erfahren, um es kundttun zu können? Was ist davon des Verkündens wert? Begleiten Sie uns als Kundschafter.

Über die Zeit vor und nach dem Anschließen des Fahrrads

Bölschestraße, gegenüber der Straßenbahn. Raus aus der Kirche, Fahrrad abschließen, Fahrrad anschließen, rein in die Kirche, sechsmal am Tag, zwischen 9 Uhr morgens und 11 Uhr nachts. Da stehen oder sitzen immer Leute. Morgens Rentner, nachmittags Schülerinnen, am frühen Abend Erwachsene und nachts Jugendliche. Da kommen die guten Gespräche ganz allein auf mich zu.

Eine ältere Frau schaut in den Schaukasten. Ich habe mein Fahrrad angeschlossen und überlasse mich kurz der Neugier. Den Schlüssel zur Kirche in der Hand bleibe ich auf halbem Wege stehen. Im Schaukasten hängt „Im Zwielicht“ von Ingeborg Bachmann.

Wieder legen wir beide Hände ins Feuer,/du für den Wein der lange gelagerten Nacht,/ich für den Morgenquell,/der die Kelter nicht kennt.

Das ist schön, sagt sie. – Ja, sage ich. Schön, dass Sie das sagen. – Man muss es laut lesen, sagt sie. – Bevor ich ihr zustimmen kann, ergänzt sie: Man muss auch Bibeltexte laut lesen. – Bevor ich ihr sagen kann: Das tun wir hier ganz gewiss, sagt sie: Man muss sie sich auchzuhause laut vorlesen. –

Und dann entspinnt sich ein Gespräch. Über die Bibel, den Glauben und das Erbe, das man bei sich trägt. Diese Frau trägt christliche Erziehung bei sich. – Aber ich bin nicht mehr in der Kirche, sagt sie mit einer bedauernden Geste. Und doch weiß ich, was mir die Mutter beigebracht hat.

Wie die Sorge ihn wärmt, tritt der Bläser hinzu./Er geht, eh es tagt, er kommt, eh du rufst, er ist alt wie das Zwielicht auf unseren schütteren Brauen.

Die Brauen der Frau gehen nach oben: Es tut mir leid. – Warum?, frage ich.

Erkannt ist, wer jetzt zögert,/erkannt, wer den Spruch vergaß.

Wir haben ein gutes Gespräch geführt. Bleiben sie uns verbunden. Lesen Sie die Gedichte in unserem Schaukasten. Und, wenn Sie wollen, die Bibeltexte laut zuhause. Es gibt nichts zu bedauern.

Ich aber bin schon des Augenblicks/gewärtig in Liebe…

Ich mag solche Gespräche vor dem Eingang der Kirche. Deshalb lasse ich mir Zeit beim Anschließen des Fahrrads.

Eine Passionszeit mit guten Gesprächen wünscht allen Mitgliedern und allen Freundinnen der Worte –
Ihr Pfarrer Markus Böttcher