Über die Zeit vor und nach dem Anschließen des Fahrrads

Bölschestraße, gegenüber der Straßenbahn. Raus aus der Kirche, Fahrrad abschließen, Fahrrad anschließen, rein in die Kirche, sechsmal am Tag, zwischen 9 Uhr morgens und 11 Uhr nachts. Da stehen oder sitzen immer Leute. Morgens Rentner, nachmittags Schülerinnen, am frühen Abend Erwachsene und nachts Jugendliche. Da kommen die guten Gespräche ganz allein auf mich zu.

Eine ältere Frau schaut in den Schaukasten. Ich habe mein Fahrrad angeschlossen und überlasse mich kurz der Neugier. Den Schlüssel zur Kirche in der Hand bleibe ich auf halbem Wege stehen. Im Schaukasten hängt „Im Zwielicht“ von Ingeborg Bachmann.

Wieder legen wir beide Hände ins Feuer,/du für den Wein der lange gelagerten Nacht,/ich für den Morgenquell,/der die Kelter nicht kennt.

Das ist schön, sagt sie. – Ja, sage ich. Schön, dass Sie das sagen. – Man muss es laut lesen, sagt sie. – Bevor ich ihr zustimmen kann, ergänzt sie: Man muss auch Bibeltexte laut lesen. – Bevor ich ihr sagen kann: Das tun wir hier ganz gewiss, sagt sie: Man muss sie sich auchzuhause laut vorlesen. –

Und dann entspinnt sich ein Gespräch. Über die Bibel, den Glauben und das Erbe, das man bei sich trägt. Diese Frau trägt christliche Erziehung bei sich. – Aber ich bin nicht mehr in der Kirche, sagt sie mit einer bedauernden Geste. Und doch weiß ich, was mir die Mutter beigebracht hat.

Wie die Sorge ihn wärmt, tritt der Bläser hinzu./Er geht, eh es tagt, er kommt, eh du rufst, er ist alt wie das Zwielicht auf unseren schütteren Brauen.

Die Brauen der Frau gehen nach oben: Es tut mir leid. – Warum?, frage ich.

Erkannt ist, wer jetzt zögert,/erkannt, wer den Spruch vergaß.

Wir haben ein gutes Gespräch geführt. Bleiben sie uns verbunden. Lesen Sie die Gedichte in unserem Schaukasten. Und, wenn Sie wollen, die Bibeltexte laut zuhause. Es gibt nichts zu bedauern.

Ich aber bin schon des Augenblicks/gewärtig in Liebe…

Ich mag solche Gespräche vor dem Eingang der Kirche. Deshalb lasse ich mir Zeit beim Anschließen des Fahrrads.

Eine Passionszeit mit guten Gesprächen wünscht allen Mitgliedern und allen Freundinnen der Worte –
Ihr Pfarrer Markus Böttcher