Verteidiger

Anlässlich des Weltgebetstag aus England, Wales, Nordirland

Wenn Sie schon einmal eine englische Pound-Münze in der Hand gehalten haben, dann sind Ihnen vielleicht schon einmal die Buchstaben „FD“ neben dem Kopf von Königin Elisabeth aufgefallen.
Sie stehen für Fidei Defensor, Defender of the Faith, Verteidiger des Glaubens. Dem englischen Königshaus wurde dieser Titel 1521 verliehen – vom Papst an Heinrich VIII für dessen (von Thomas Morus) verfassten und gegen Martin Luther gerichteten Schrift „Verteidigung der Sieben Sakramente“, in der es unter anderem um die Verteidigung der Ehe als Sakrament und die Vorrangstellung des Papstes ging. Da wusste Heinrich noch nicht, dass die Ehe mit seiner spanischen Ehefrau Katharina von Aragon ohne männlichen Thronfolger bleiben und er eines Tages selbst auf eine Lösung dieser heiligen Bande bestehen würde um Anne Boleyn zu heiraten. Nachdem ihm dies von der Kirche wiederholt verweigert worden war (non possumus!), erklärte sich Heinrich 1534 selbst zum Oberhaupt der englischen Kirche und besiegelte somit die Abkehr von der römisch-katholischen Kirche (Act of Supremacy). Das hatte weitreichende Folgen, eine davon war die Aberkennung des Titels „Verteidiger des Glaubens“.
Aber nicht lange, denn sonst wäre er ja nicht auf unserer Pound-Münze. Das Parlament von England verlieh diesen Titel 1544 dem englischen König und seinen Nachfolgern erneut – diesmal in ihrer Eigenschaft als Verteidiger des anglikanischen Glaubens, also sozusagen das Gegenteil von seiner ursprünglichen Bestimmung. Von einer fünfjährigen Ausnahme abgesehen – Heinrichs katholische Tochter Maria (Bloody Mary) aus der Ehe mit Katharina regierte von 1553-1558 – blieb es dabei bis zum heutigen Tag.
Vor ein paar Jahren bin ich selbst Zeugin einer weiteren Variante des Titels geworden, in unserer Zeit, in der es berühmte Verteidiger eigentlich nur noch im Fußball gibt. Vor etwas mehr als 15 Jahren arbeitete ich für einen Berliner Kirchenkreis mit Vertretern der Britischen Botschaft, Berliner Imamen, Vertretern der jüdischen Gemeinde und dem anglikanischen Pfarrer in Berlin zusammen. Dabei handelte es sich um die Planung einer Aktivität im Vorfeld der Fußball-WM in Deutschland (2006): ein Fußballspiel von Pfarrern gegen Imame mit jüdischen Schieds- und Linienrichtern. Die Idee war aus England importiert, und das Spiel war ein voller Erfolg, die Weltpresse kam auf dem
kleinen Fußballplatz des Friedrich-Ebert-Gymnasiums in Berlin-Wilmersdorf zusammen. Al-Jazeera und Washington Post stillten ihren Hunger an Vorberichterstattungen mit diesem friedlichen, amateurhaften Aufeinandertreffen. Das war der Beginn einer schönen Tradition, die bis heute anhält.

Pfarrer gegen Imame
Von der Presse seither weniger beachtet, findet das Spiel seit 2006 nicht nur alljährlich statt, es ist auch noch mehr entstanden: Pfarrer und Imame trainieren regelmäßig zusammen und spielen bei manchen Turnieren auch in einer gemeinsamen Mannschaft, wie 2010 in Göteborg gegen ebenfalls gemischte Teams aus England und Schweden.

Zuletzt machte das Spiel im Jahr 2009 Schlagzeilen in Deutschland und England, als sich besonderer Besuch angesagt hatte. Die Vorbereitungen fanden heimlich statt, unter anderem aus Angst vor Terroranschlägen. Obwohl dafür ein größeres Stadion gemietet wurde, war ein Eintritt nur mit einer Eintragung in die Gästeliste möglich. Auch dem engsten Vorbereitungsteam wurde erst kurz zuvor enthüllt, dass es sich bei dem Besuch um Prinz Charles handeln würde, der sich für das friedliche Zusammenleben der Religionen einsetzt, sowie seine Frau Camilla. Es war ihr einziger Auftritt in Berlin in diesem Jahr. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit musste sich auf die Gästeliste setzen lassen, um dem Königlichen Besuch die Hand zu schütteln.
Auf sportlicher Ebene sah die protestantische Seite dem Aufeinandertreffen vor prominenten Augen und der Presse mit gemischten Gefühlen entgegen. Gegen eine wesentlich verjüngte Imamen-Mannschaft war das Spiel nach den eigenen Siegen der ersten beiden Jahre im Vorjahr überraschend mit einer 0:9-Demütigung verloren worden. Doch die Sorgen waren unbegründet: Charles sah in den beiden halbstündigen Halbzeiten nichts dergleichen: Es fiel sogar erstmals kein einziges Tor, stattdessen gab viele freundliche Worte und viel Harmonie. Der Pokal wurde an beide Mannschaftskapitäne übergeben, die ihn jeweils ein halbes Jahr lang bei sich ausstellen wollten. Roger Boyes, Berlin-Reporter für die englische Tageszeitung The Times, kommentierte, dass Prinz Charles sich als König wohl für einen neuen Titel qualifizieren wolle, den des „Defenders of the Faiths“. (Das leicht zu übersehene „s“ setzt Faith, den Glauben, in den Plural.) Offiziell ist diese Umbenennung natürlich nicht, wie auch Charles zwölf Jahre später immer noch nicht König ist.

Katrin Neuhaus